Net-Base Magazin

22.05.2026

Mandantenfähige Business-Software entwickeln: Architektur, Datenmodell und Betrieb ohne Überraschungen

Mandantenfähigkeit entscheidet über Skalierung, Betriebskosten und Sicherheit. Dieser Beitrag zeigt, wie Sie mandantenfähige Business-Software so planen, dass Daten sauber getrennt, Berechtigungen prüfbar und Updates ohne Ausfälle ausrollbar bleiben.

22.05.2026

Wer mandantenfähige Business-Software entwickeln will, trifft frühe Architekturentscheidungen, die sich später kaum noch „wegkonfigurieren“ lassen. Mandantenfähigkeit ist nicht nur ein Lizenz- oder UI-Thema, sondern wirkt direkt auf Datenmodell, Berechtigungen, Schnittstellen, Update-Prozesse, Support und nicht zuletzt auf Sicherheitsnachweise. In der Praxis scheitern Multi-Tenant-Vorhaben selten an der eigentlichen Fachlogik, sondern an unsauberen Trennlinien: Wo genau beginnt ein Mandant? Wie werden Daten isoliert? Welche Komponenten dürfen mandantenübergreifend arbeiten (z. B. Monitoring, Backup, E-Mail-Versand) – und wie wird das auditiert?

Dieser Beitrag richtet sich an IT-Leitung, Administratoren und technische Projektverantwortliche. Er beschreibt bewährte Muster, typische Fehlannahmen und konkrete Entscheidungsfragen für Betrieb und Weiterentwicklung. Der Fokus liegt bewusst auf Auswirkungen im Alltag: Provisionierung neuer Mandanten, Rollen- und Rechtemodelle, Datenmigration, Schnittstellenbetrieb, Logging, Backup/Restore und Update-Fähigkeit. Ziel ist eine Architektur, die langfristig tragfähig bleibt – unabhängig davon, ob die Lösung als internes System, in mehreren Konzernbereichen oder später als gehostete Plattform betrieben wird.

Was Mandantenfähigkeit im Unternehmenskontext wirklich bedeutet

Mandantenfähigkeit (oft auch Multi-Tenancy genannt) bedeutet, dass eine Software mehrere organisatorisch getrennte Einheiten („Mandanten“) in einer gemeinsamen technischen Plattform abbildet. Ein Mandant kann ein Unternehmen, eine Tochtergesellschaft, ein Standort, ein Kunde oder ein Geschäftsbereich sein. Entscheidend ist: Mandanten dürfen keine Daten oder Funktionen des jeweils anderen Mandanten sehen oder beeinflussen, außer es ist explizit vorgesehen und geprüft (z. B. Konzernreporting).

In Projekten ist es hilfreich, Mandantenfähigkeit entlang von drei Achsen zu definieren:

  • Datenisolation: Wie wird sichergestellt, dass Daten nur im richtigen Mandanten-Kontext les- und schreibbar sind?
  • Identität & Berechtigungen: Wie wird ein Benutzer einem Mandanten zugeordnet, und wie werden Rollen/Scopes geprüft?
  • Betriebsisolation: Wie stark sollen Mandanten sich gegenseitig in Last, Störungen, Updates und Wartungsfenstern beeinflussen?

Diese Achsen führen zu unterschiedlichen Ausprägungen. Eine Lösung kann beispielsweise Daten streng trennen (separate Datenbanken), aber betrieblich trotzdem stark gekoppelt sein (gemeinsame Deployments, gemeinsame Queue, gemeinsame Suchindizes). Für Entscheider ist wichtig, dass Mandantenfähigkeit kein „Schalter“ ist, sondern ein Spektrum mit Kosten- und Risikoauswirkungen.

Architekturentscheidungen für mandantenfähige Business-Software

Bevor Sie Tabellen erweitern oder Oberflächen „mandantenfähig“ machen, sollten Sie die Systemgrenzen klären: Welche Komponenten gehören zur Plattform, welche sind pro Mandant zu konfigurieren, und welche Daten dürfen zentral ausgewertet werden? In gewachsenen Unternehmenslandschaften sind außerdem Anbindungen an ERP, DMS, CRM oder Identity Provider (IdP) entscheidend.

Single-Tenant vs. Multi-Tenant: fachlich gleich, technisch sehr verschieden

Single-Tenant bedeutet: pro Mandant eine eigene Instanz (mindestens eigene Datenbank, oft auch eigener Applikations-Stack). Multi-Tenant bedeutet: mehrere Mandanten teilen sich Instanzen und Infrastruktur – mit logischer Trennung. Multi-Tenant senkt oft den Aufwand für Rollout und Betrieb, erhöht aber Anforderungen an Isolation, Testabdeckung und Observability (Beobachtbarkeit durch Logging/Metriken/Tracing).

Ein pragmatischer Ansatz ist häufig: „Multi-Tenant im Code, Single-Tenant im Betrieb“ für kritische Mandanten. Das heißt: Der Code beherrscht Mandantenkontexte sauber, aber einzelne Mandanten können optional separat betrieben werden (z. B. aus Compliance- oder Performance-Gründen). Dafür müssen jedoch Konfiguration, Deployment und Monitoring von Anfang an auf beide Varianten vorbereitet sein.

Mandantenkontext als durchgängiges Architekturprinzip

Viele Fehler entstehen, weil der Mandantenkontext nur an einzelnen Stellen „dazugesteckt“ wird (z. B. Filter in SQL, zusätzliche Parameter in Services). Stabiler ist es, wenn der Mandantenkontext ein durchgängiges Prinzip wird:

  • Jede Anfrage hat einen eindeutig ermittelten Mandanten (aus Token/SSO, Subdomain, Header, Client-Zertifikat oder konfiguriertem Endpoint).
  • Der Mandantenkontext wird in der Serverlogik als Pflichtinformation behandelt (keine Default-Mandanten, keine „falls leer, dann…“).
  • Datenzugriffsschichten und Schnittstellen erzwingen Mandantenfilter oder Mandantenbindung, statt sie optional zu machen.
  • Logging und Audit enthalten Mandant, Benutzer/Servicekonto und Korrelations-ID, damit Betrieb und Support nachvollziehen können, was passiert ist.

Dieser „Mandantenkontext zuerst“-Ansatz reduziert die Klasse an Fehlern, die erst im Betrieb auffallen: falsche Reportings, versehentliche Datenvermischung, schwer erklärbare Berechtigungsfälle und unvollständige Audit-Trails.

Datenmodell: Drei gängige Isolationsmuster und ihre Folgen

Die wichtigste technische Entscheidung für Mandantenfähigkeit ist die Datenhaltung. Sie prägt Backup/Restore, Migration, Performance und Sicherheitsnachweise. Im Kern gibt es drei Muster, die auch kombiniert vorkommen.

1) Datenbank pro Mandant

Jeder Mandant hat eine eigene Datenbank (oder ein eigenes Datenbank-Cluster). Vorteile: sehr klare Isolation, einfaches Restore pro Mandant, gute Grundlage für differenzierte Wartungsfenster. Nachteile: mehr Provisionierungsaufwand, mehr Verbindungen, mehr Schema-Migrationen und höhere Komplexität im Betrieb (z. B. Monitoring über viele Datenbanken).

Typische Einsatzfälle: sehr strikte Compliance-Anforderungen, Mandanten mit stark unterschiedlichen Datenmengen, oder Fälle, in denen Mandanten unterschiedliche Release-Zyklen brauchen. Administrativ relevant: Sie benötigen solide Automatisierung für Schema-Updates, Index-Management, Backups und Rechte – sonst explodiert der Aufwand mit der Mandantenzahl.

2) Schema pro Mandant

Ein Datenbankserver, aber pro Mandant ein eigenes Schema (oder Namespace). Das ist eine mittlere Form der Isolation: besser trennbar als reine Row-Filter, aber weniger schwergewichtig als komplette Datenbanken. Backup/Restore pro Mandant ist je nach Datenbanktechnologie möglich, aber nicht immer trivial. Migrationen sind einfacher zu koordinieren als bei „DB pro Mandant“, jedoch bleibt die Anzahl der Objekte hoch.

Wichtig für den Betrieb: Prüfen Sie früh, wie Tools für Monitoring, Backup und Migration mit vielen Schemas umgehen, und ob Standard-Reporting und BI-Zugriffe schemaübergreifend sauber abbildbar sind, ohne den Sicherheitsrahmen aufzuweichen.

3) Gemeinsame Tabellen mit Tenant-ID (Row-basierte Trennung)

Alle Mandanten teilen sich Tabellen; jede Zeile trägt eine Tenant-ID. Das ist für viele Anwendungsfälle effizient, reduziert Objektanzahl und vereinfacht globale Migrationen. Gleichzeitig steigt die Verantwortung der Applikation und/oder der Datenbank, die Trennung zuverlässig zu erzwingen.

Wenn Sie row-basierte Trennung einsetzen, sollten Sie zwei Punkte besonders ernst nehmen:

  • Technische Erzwingung: Verlassen Sie sich nicht nur auf „wir filtern überall nach Tenant-ID“. Nutzen Sie, wo möglich, Datenbankmechanismen wie Row-Level Security (RLS; datenbankseitige Zeilenfilterung basierend auf Session-Kontext oder Rollen), Views oder Security-Policies. Welche Option passt, hängt von der Datenbank ab.
  • Mandantenübergreifende Nebenwirkungen: Große Mandanten können Indizes, Cache-Hit-Rates und Locking-Verhalten beeinflussen. Das ist kein K.-o.-Kriterium, muss aber in Kapazitätsplanung und Tests berücksichtigt werden.

Hybridmodelle: häufig realistischer als „entweder/oder“

In der Praxis sind Hybridmodelle üblich: Kerntransaktionen in gemeinsamen Tabellen (für einfache Updates), besonders sensible Daten in separaten Datenbanken oder Schemas, sowie ein zentraler „Control Plane“-Bereich für Mandantenverwaltung, Abrechnung, Feature-Flags und globale Konfiguration. Entscheidend ist, dass diese Grenzen dokumentiert und technisch abgesichert sind.

Berechtigungen und Identitäten: Mandant, Rolle, Scope

Mandantenfähigkeit steht und fällt mit einem belastbaren Berechtigungskonzept. Für den Betrieb zählt dabei weniger, wie elegant das Modell ist, sondern ob es im Alltag prüfbar und diagnostizierbar ist: Warum durfte Benutzer X Aktion Y ausführen? Welche Rolle griff? Welche Policy entschied?

SSO und Mandantenzuordnung: SAML 2.0, OIDC und Verzeichnisse

In Unternehmensumgebungen kommt häufig Single Sign-on (SSO) zum Einsatz. SSO bedeutet, dass die Anmeldung über einen zentralen Identity Provider läuft, und die Anwendung nur noch Tokens/Assertions prüft. Gängig sind SAML 2.0 (Assertion-basiert, oft in klassischen Enterprise-Setups) oder OpenID Connect (OIDC; Token-basiert, häufig in moderneren IdP-Stacks). Wichtig ist: Die Mandantenzuordnung muss eindeutig und manipulationssicher sein.

Bewährte Optionen:

  • Mandant über Issuer/IdP (ein IdP pro Mandant) – sehr klar, aber organisatorisch aufwendiger.
  • Mandant über Claim/Attribut (z. B. Tenant-ID im Token) – flexibel, erfordert saubere Validierung und Mapping.
  • Mandant über Subdomain oder getrennte Endpoints – gut für Portale, reduziert Fehlbedienung, muss aber mit SSO-Redirects sauber zusammenspielen.

Rollenmodell und Mandantenadministration ohne „Support-Tickets“

Ein häufiger Kostentreiber ist, dass jede Mandantenänderung (neuer Benutzer, neue Rolle, neue Standortzuordnung) als manueller Eingriff landet. Ziel sollte sein: Mandanten können ihre Benutzer und Rollen im definierten Rahmen selbst administrieren, ohne dass zentrale Admins jedes Detail anfassen müssen.

Praxisnah sind mehrstufige Rollen:

  • Plattform-Admin (betreibt die Umgebung, sieht Mandanten-Metadaten, nicht zwingend Mandantendaten).
  • Mandanten-Admin (verwaltet Benutzer, Rollen, Konfiguration im Mandanten).
  • Fachrollen (z. B. Sachbearbeitung, Teamleitung, Freigabe).
  • Technische Servicekonten (für Schnittstellen, Jobs, Automatisierung) mit minimalen Rechten.

Operativ wichtig: Rollen sollten versionierbar und auditierbar sein. Wenn Berechtigungen „mal eben“ per Direkt-Update oder ungetrackter Konfiguration geändert werden können, verlieren Sie Nachvollziehbarkeit – und damit Zeit bei Audits und Störungen.

Schnittstellen und Integration: Mandantenfähigkeit endet nicht am API-Gateway

Viele digitale Unternehmenslösungen leben von Integrationen: ERP, DMS, CRM, Data Warehouse, Partnerportale, Maschinenanbindung. Mandantenfähigkeit muss deshalb auch in Schnittstellen sauber durchgezogen werden. Das betrifft REST-APIs (HTTP-basierte Schnittstellen), Eventing/Queues, Dateischnittstellen und E-Mail-/Webhook-Prozesse.

REST-API: Tenant-Scoping als Vertrag

Bei REST-APIs ist entscheidend, wie der Mandant im Request bestimmt wird. Häufige Muster sind Subdomain/Host, ein Mandanten-Header oder ein Claim im Access Token. Wichtig ist, dass das nicht nur Konvention bleibt, sondern als vertraglicher Bestandteil der API dokumentiert und serverseitig erzwungen wird.

Für den Betrieb zählt außerdem: Eine API braucht klare Fehlermeldungen und Logdaten, die Mandant, Endpoint, Benutzer/Client, Request-ID und relevante Parameter enthalten – ohne personenbezogene Daten unnötig zu loggen. So können Administratoren und Support Fälle reproduzierbar klären, ohne Daten anderer Mandanten zu berühren.

Asynchrone Prozesse: Jobs, Queues und Scheduler mandantenfähig planen

Batch-Jobs, Importe, Report-Generierung oder nächtliche Abgleiche laufen oft asynchron. Hier entsteht Mandantenvermischung besonders leicht, weil ein Worker „im Hintergrund“ ohne aktiven Benutzerkontext arbeitet. Planen Sie deshalb:

  • Mandantenbindung pro Job: Jeder Job trägt Tenant-ID und einen „auslösenden Kontext“ (Benutzer oder Servicekonto).
  • Ressourcenlimits: Große Mandanten dürfen die Job-Verarbeitung nicht vollständig dominieren (Fairness, Quotas, Prioritäten).
  • Mandantengetrennte Artefakte: Temporäre Dateien, Exporte, S3-Buckets/Share-Pfade, E-Mail-Templates und Webhook-Secrets müssen mandantenspezifisch verwaltet werden.

Betrieb und Sicherheit: Was Admins später wirklich brauchen

Mandantenfähigkeit wirkt im Betrieb wie ein Multiplikator: Ein Fehler, ein schlechtes Deployment oder ein unklarer Alarm kann sich auf viele Mandanten auswirken. Umgekehrt kann eine sauber betriebene Plattform Updates schneller und konsistenter ausrollen. Entscheidend ist, dass Betrieb und Security nicht „nachgerüstet“ werden, sondern Teil des Architekturdesigns sind.

Logging, Audit und Nachvollziehbarkeit

Für Unternehmenssoftware sind zwei Log-Arten zu trennen:

  • Technisches Logging: Fehler, Performance, Integrationsprobleme, Timeouts. Muss Mandant und Korrelations-ID enthalten, damit man in verteilten Komponenten eine Transaktion wiederfindet.
  • Audit-Logging: Wer hat welche fachliche Aktion durchgeführt (z. B. Stammdaten geändert, Export gestartet, Rechte vergeben)? Audit-Logs sind sicherheitsrelevant und benötigen klare Aufbewahrungs- und Zugriffskonzepte.

Wichtig: Audit ist nicht „mehr Log“. Audit muss manipulationsarm, nachvollziehbar und auswertbar sein. Gleichzeitig gilt Datenminimierung: Nicht jede Detailinformation gehört dauerhaft ins Audit, sondern die für Nachweis und Rekonstruktion erforderlichen Fakten.

Backup/Restore: Mandanten selektiv wiederherstellen können

Die Restore-Frage ist der Lackmustest für Ihr Datenmodell. Ein globales Backup ist schnell erstellt, aber der Schaden entsteht, wenn ein einzelner Mandant Datenverlust meldet und Sie nur „alles oder nichts“ wiederherstellen können. Je nach Isolationsmuster sind unterschiedliche Strategien sinnvoll:

  • DB pro Mandant: Restore ist am klarsten, benötigt aber Orchestrierung, wenn mehrere Datenbanken konsistent zurückgesetzt werden müssen (z. B. Datenbank + Suchindex + Dateispeicher).
  • Shared DB: Restore pro Mandant ist deutlich komplexer. Hier helfen mandantenspezifische Export-/Snapshot-Mechanismen, Event-Sourcing-Ansätze oder zusätzliche Schutzmaßnahmen (Soft-Deletes, Versionierung, Freigabeprozesse).

Für Administratoren zählt eine dokumentierte Prozedur: Wie lange dauert ein Restore? Welche Systeme sind beteiligt? Wie wird getestet, dass der Mandant wieder „richtig“ läuft (Smoke Tests, Integrationschecks)?

Patching und Update-Strategie: Schema-Migrationen ohne Stillstand

Ein zentraler Vorteil von Plattformansätzen ist die Fähigkeit, Updates einheitlich auszurollen. Das klappt nur, wenn Sie Schema-Migrationen (Änderungen an Datenbankstrukturen) und Applikationsupdates als zusammenhängenden Prozess planen. Gute Praxis ist:

  • Vorwärtskompatible Deployments: Neue Softwareversionen können mit altem Schema laufen (für kurze Zeit), und/oder alte Software kann mit neuem Schema laufen. Das reduziert Ausfallzeiten.
  • Migrationen in kleinen Schritten: Statt „Big Bang“-Umbauten: neue Spalten hinzufügen, Daten schrittweise backfillen, erst später alte Strukturen entfernen.
  • Feature-Flags pro Mandant: Funktionen können für ausgewählte Mandanten aktiviert werden, um Risiken zu begrenzen und Rollouts kontrollierbar zu machen.

Für die IT-Leitung ist dabei wichtig: Update-Fähigkeit ist eine Investition. Sie spart später Zeit bei Sicherheitsupdates, Betriebssystemwechseln, Datenbankupgrades und Integrationsänderungen – also in genau den Bereichen, die über Jahre Kosten verursachen.

Provisionierung und Mandanten-Lifecycle: vom Onboarding bis zur Deaktivierung

Mandantenfähigkeit ist erst dann „fertig“, wenn der Lifecycle vollständig gedacht ist. Im Alltag zählen nicht nur Neuanlagen, sondern auch Änderungen: zusätzliche Standorte, neue Identity-Provider, Vertragswechsel, Datenexporte und Deaktivierungen.

Onboarding: Was automatisiert sein sollte

Ein sauberer Onboarding-Prozess reduziert Fehler und Supportlast. Typische Bausteine:

  • Mandant anlegen (Tenant-ID, Name, Kontakt, Status).
  • Konfiguration setzen (Region, Sprache, Zeitzone, E-Mail-Domänen, Branding falls vorgesehen).
  • Identity-Anbindung konfigurieren (SSO-Metadaten, Zertifikate, Redirect-URLs).
  • Initiale Rollen und Admin-Benutzer bereitstellen.
  • Technische Ressourcen provisionieren (Datenbank/Schema, Storage, Suchindex, Queues).
  • Monitoring und Alarmierung für den Mandanten aktivieren.

Je mehr davon reproduzierbar automatisiert ist, desto weniger „Sonderfälle“ entstehen. Das ist nicht nur Effizienz, sondern Risikoreduktion: Manuelle Schritte sind die häufigste Quelle für inkonsistente Konfigurationen.

Datenexport und Offboarding: unterschätzt, aber sicherheitskritisch

Offboarding ist ein Sicherheits- und Compliance-Thema: Welche Daten müssen exportierbar sein (z. B. für Übergabe), welche Daten müssen gelöscht oder anonymisiert werden, und wie wird das nachgewiesen? Auch ohne spezifische Rechtsberatung gilt technisch: Sie brauchen klare Zuständigkeiten, definierte Fristen, und einen Prozess, der reproduzierbar ist.

Wenn Daten in mehreren Systemen liegen (Datenbank, Dateispeicher, Suchindex, Logs, Backups), muss Offboarding diese Ebenen berücksichtigen. Besonders Backups sind heikel: Vollständige Löschung aus historischen Backups ist oft praktisch nicht möglich. Umso wichtiger ist ein Konzept, das dies transparent macht (Aufbewahrung, Zugriffsschutz, Rotation) und Mandantendaten außerhalb der produktiven Systeme trotzdem angemessen schützt.

Typische Fehlerbilder aus der Praxis – und wie Sie sie vermeiden

Mandantenfähigkeit scheitert selten spektakulär, sondern durch viele kleine Designlücken. Die folgenden Fehlerbilder begegnen in Projekten regelmäßig:

  • Tenant-ID als „optional“: Einzelne Endpoints, Jobs oder Reports vergessen den Filter. Lösung: technische Erzwingung (Policies/RLS), Tests und konsequente Architekturregeln.
  • Geteilte Konfiguration ohne Versionierung: Änderungen am Rollenmodell oder an Feature-Schaltern sind später nicht nachvollziehbar. Lösung: Konfiguration versionieren, Änderungen auditieren.
  • Mandantenübergreifende Caches: Caching ohne Tenant-Key führt zu Datenlecks. Lösung: Cache-Key immer tenant-sensitiv, sensible Daten eher kurz cachen.
  • Support kann Probleme nicht eingrenzen: Fehlende Korrelation und mandantenbezogene Metriken. Lösung: Korrelations-ID, Mandanten-Tags in Logs/Metriken, klare Dashboards.
  • Migrationen dauern zu lange: Große Tabellenumbauten blockieren Betrieb. Lösung: inkrementelle Migration, Hintergrundprozesse, Zeitfenster planen.

Diese Punkte sind weniger „Entwicklerdetails“ als Betriebsrealität. Wer sie früh adressiert, reduziert spätere Kosten für Hotfixes, Notfallfenster und unklare Verantwortlichkeiten.

Mandantenfähige Business-Software entwickeln: Checkliste für belastbare Entscheidungen

Wenn Sie in einem Projekt die Weichen stellen, helfen konkrete Fragen, die Architektur- und Betriebsfähigkeit sichtbar machen:

  • Welche Isolation ist erforderlich: technisch (Daten), organisatorisch (Zugriffe), betrieblich (Wartungsfenster/Last)?
  • Wie wird der Mandant eindeutig bestimmt (SSO-Claim, Subdomain, eigener Endpoint)?
  • Wie wird Isolation erzwungen (Datenbankmechanismen, zentrale Zugriffsschicht, Policies)?
  • Wie sieht der Restore-Fall aus: pro Mandant, mit welchen Abhängigkeiten, in welcher Zeit?
  • Wie laufen Updates: Schema-Migration, Rollback-Strategie, Feature-Flags?
  • Welche Observability gibt es: Mandantenmetriken, Audit, Alarmierung, Runbooks?
  • Wie werden Integrationen mandantenfähig betrieben (Servicekonten, Secrets, Ratenlimits, Webhooks)?

Diese Fragen sind bewusst betrieblich formuliert. Wenn Sie sie beantworten können, sind Sie in der Regel auch architektonisch auf einem stabilen Pfad.

Fazit: Mandantenfähigkeit ist ein Betriebsversprechen, kein UI-Feature

Mandantenfähigkeit entscheidet darüber, ob eine Business-Software über Jahre wirtschaftlich betrieben und sicher weiterentwickelt werden kann. Die Kernarbeit liegt in klaren Trennlinien: Mandantenkontext als Pflicht, belastbare Datenisolation, prüfbare Berechtigungen, mandantenfähige Schnittstellen und ein Lifecycle, der Provisionierung, Updates und Offboarding einschließt. Wer diese Grundlagen sauber setzt, gewinnt im Alltag: weniger Störungen durch Konfigurationsdrift, schnellere Updates, klarere Supportprozesse und verlässliche Nachweise gegenüber internen und externen Anforderungen.

Wenn Sie Mandantenfähigkeit für eine bestehende oder neue digitale Unternehmenslösung konkret bewerten oder ein Migrations- und Architekturkonzept aufsetzen möchten, lassen Sie uns die Rahmenbedingungen gemeinsam strukturiert durchgehen:

Im fachlichen Umfeld spielen auch Multi-Tenant Architektur und Tenant Isolation eine wichtige Rolle, wenn Integrationen, Datenflüsse und Weiterentwicklung sauber zusammenspielen müssen.

Projekt oder Modernisierungsvorhaben mit Net-Base besprechen.

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